2. November 2009

Von Raucherlungen, Ex-Botschaftern, Hausarrest und dem 60. Geburtstag der Volksrepublik

Zurück in Peking können wir uns wieder ohne peinliche, umständliche Körpersprache verständigen und fühlen uns schon fast heimisch. Diesmal verstärkt sich unsere Reisegruppe mit Thomas‘ Eltern, Doris und Hans, welche wir in einer gemütlichen Jugendherberge in einem Hutong (die traditionellen, engen Gassen Pekings) treffen. Natürlich gibt’s zuerst ein riesiges Wiedersehen, welches mit viel Guetsli und Schokolade besiegelt wird.

Am Anfang zeigt sich die Stadt zwei ganze Tage von einer ungewohnt klaren Seite mit blauem Himmel und Sonnenschein. Danach lernen wir aber doch noch das wahre Peking mit seinem legendären Smog kennen. Gemäss Pekings Behörden wird der Aufenthalt im Freien zeitweise sogar als „gefährlich“ eingestuft und in unserem Reiseführer lesen wir, dass es einem Konsum von 70 Zigaretten pro Tag gleichkomme sich draussen aufzuhalten. Da wir sonst nicht rauchen, nehmen wir das Gesundheitsrisiko in Kauf und besichtigen sehr lohnenswerte Touristenattraktionen wie z.B. den „Sommerpalast“, die „Verbotene Stadt“ und den „Himmelstempel“.

Ausserdem haben wir einen besonderen Programmpunkt auf Lager. Über Beziehungen (wie sich‘s in China gehört!) haben wir von einem gewissen Ehepaar Wang erfahren, welches uns nach kurzem Emailverkehr zum Nachtessen treffen will. Herr Wang ist der chinesische Ex-Botschafter der Schweiz und das Ehepaar hat jahrelang in Zürich und Bern gelebt. Wir suchen unsere besten Kleidungsstücke heraus – was nicht einfach ist, wenn man sein ganzes Hab und Gut seit zwei Monaten zusammengeknüllt in einem dreckigen Rucksack um die Welt trägt – und putzen uns für den Anlass so gut es geht heraus, schrubben sogar ausgiebig unsere Füsse. Obwohl wir aus Erfahrung wissen, dass Chinesen immer pünktlich sind und im Reiseführer nochmals explizit erwähnt wird, dass das rechtzeitige Erscheinen zu so einem Treffen äusserst wichtig sei, lassen wir das Ehepaar Wang aufgrund der akuten Taxiknappheit in der Stadt eine halbe Stunde vor dem Restaurant warten. Beschämt über unsere Verspätung entschuldigen wir uns mehrmals und werden vom lächelnden Herr Wang in unser „baojian“ geführt. Baojian, wörtlich wohl zu übersetzen mit „Sackzimmer“, sind abgetrennte Essräume, wo man seine Privatsphäre geniessen kann, eine in China nötige und sehr beliebte Erfindung, denn im Hauptsaal des Restaurant ist es meist so laut und hektisch, dass man sich in einer grösseren Runde unmöglich unterhalten kann. Wir werden von Frau Wang auf Hochdeutsch sehr formell begrüsst und sie stellt uns das Restaurant mit seiner ganzen Geschichte bis zurück in die Qing-Dynastie ausführlich vor (der Kaiser höchstpersönlich hat hier schon seine Teigtaschen genossen). Danach bestellt Frau Wang unser Essen, was immer Sache des Gastgebers ist und somit steht für uns fest, dass wir die Rechnung am Ende nicht bezahlen dürfen. Es werden acht Gerichte aufgetragen, wovon nur eines vegetarisch ist, und diese werden auf der grossen runden Glasplatte (oder „lazy suzy“) angeordnet, so dass mit dem richtigen Dreh jeder alles erreichen kann. Nachdem Herr Wang uns recht steiff Willkommen geheissen und somit das Essen eröffnet hat, schlagen wir zu und wie bei Chinesen üblich, sprechen wir vorerst nur übers Essen und über andere leicht verdauliche Themen. Spannend, die Schweiz durch die Augen eines chinesischen Diplomatenehepaars zu sehen, welches sich z.B. darüber lustig macht, dass das Frauenstimmrecht an der Landsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden erst 1989 angenommen wurde. Ach ja, bezüglich Stimmrecht fällt uns auch noch was zu China ein… Aber diplomatisch wie ein Botschafter ja sein sollte, hat Herr Wang sich damals in der Schweiz nicht eingemischt und es gehöre sich sowieso nicht, sich in die Politik eines anderen Landes einzumischen, was wohl auch gleich als Hinweis für uns gedacht ist, die wir grad zum verbalen Gegenangriff ausholen wollen. So kehren wir zurück zu harmlosen Gesprächen über Ferien im Hotel Waldhaus in St. Moritz und Ähnlichem und der Abend erreicht seinen Höhepunkt in dem Moment als Frau Wang auf Bärndüütsch zum Besten gibt „D Ching wei Hung“ (die Kinder wollen Honig), weil das in ihren Ohren recht Chinesisch töne. Das Essen selbst geht in China schnell vonstatten und wenn man nicht noch auf ein Glas Reiswein sitzen bleibt, was sich in dieser Situation mit einem Ehepaar von Rang und Namen natürlich nicht gehört, so ist nach knapp zwei Stunden der Abend gelaufen. Bevor wir Herr und Frau Wang also wirklich kennen lernen können, stehen wir bereits wieder auf der Strasse und versuchen ein Taxi herbei zu winken.

Ein weiterer unkonventioneller Tag in Peking ergibt sich unerwartet, als uns von der Jugendherberge mitgeteilt wird, dass wir am Mittag des nächsten Tages zurück in der Jugi sein müssten und für mehrere Stunden Hausarrest hätten, da sich Peking auf den grossen Feiertag am 1. Oktober vorbereiten müsse. Zuerst lachen wir über die Empfangsdame und finden ihre Forderungen erstens urkomisch und zweitens nicht durchführbar. Als wir merken, dass es ihr ernst ist und sich immer mehr bewaffnete Nicht-Zivilisten im Quartier versammeln, fügen wir uns dann doch brav den Anweisungen. Tatsächlich wird während der besagten Zeitspanne halb Peking abgesperrt und man kann nur mit wichtig aussehenden Badges und dem zugehörigen stolzen Gesichtsausdruck bestimmte Absperrungen überschreiten. Ohne Ausweis können wir zwar ein bisschen um unsere Jugi herum spazieren, aber die meisten Strassenübergänge und Kreuzungen werden von Militärs und Polizisten bewacht, so dass unser Auslauf-Revier an diesem Tag sehr klein ist. Vom Strassenrand können wir allerdings das Treiben um die Verbotene Stadt beobachten und uns die Vorbereitungen zum 60. Geburtstag Chinas mitangucken, was uns vorfreudig, aber in Anbetracht des Ausmasses, auch etwas nervös stimmt.

In Qingdao, wo die Segelwettkämpfe der olympischen Spiele ausgetragen wurden, machen wir den nächsten Halt. Die Stadt war anfangs des letzten Jahrhunderts unter deutscher Kolonialherrschaft, was ihr sowohl zu einigen netten Bauten als auch zur besten Brauerei Chinas verholfen hat. Die für Chinesen äusserst romantische „europäische“ Stadt mit Lage am Meer, zieht viele Hochzeitsfotografen an und junge atheistische Päärchen posieren strahlend vor der katholischen Kirche oder mit dem Hochzeitskleid bis zu den Hüften im Wasser im Meer. Wir geniessen Strand und Berge und das Schweizer Sackmesser kommt zum ersten Mal zum Einsatz als Hans das Schloss einer verklemmten WC-Türe in einem Restaurant abmontiert.

Mit dem „Hartschläfer“-Nachtzug, wie es sich für hartgesottene Touristen gehört, fahren wir in zwei Nächten quer durch halb China und setzen unsere Reise im Süden in der Provinz Hunan fort, wo wir uns zwei Bauerndörfchen angucken: traditionelle Häuser, Reisfelder, Karstlandschaften und Wasserbüffel machen unsere Ausflüge zu unvergesslichen Erlebnissen.

In Fenghuang finden wir inmitten all der chinesischen Restaurants eine Pizzeria und freuen uns über die vielversprechende Entdeckung und willkommene Abwechslung. Zuerst müssen wir aber die Betreiber ausfindig machen, denn das Lokal und die Küche sind völlig verwaist. Nachdem wir den Koch beim Nachtessen im benachbarten Nudelsuppenladen auffinden und zu unserer Bewirtung haben motivieren können, bestellen wir eine Pizza zum Teilen. Unser Appetit wird angeregt, doch als wir weitere Pizzen bestellen wollen, ist dem Restaurant der Teig ausgegangen, was in einer Chinesischen Pizzeria gern mal vorkommt. Wir weichen auf die einzige Alternative in der Speisekarte um: Pasta. Als sich herausstellt, dass es auch diese und somit nichts Essbares mehr im Hause gäbe, ist das dann doch ein triftiger Grund das Lokal zu verlassen.

Den 60. Geburtstag der Volksrepublik China verbringen wir in Dehang. Wir haben uns bereits gut darauf vorbereitet, indem wir im Kino den Film „die Gründung einer Republik“ angeschaut haben, eine zweieinhalbstündige Propagandaaktion mit über 100 Stars wie z.B. Jackie Chan, welche alle gratis und franko und aus reinem Nationalstolz heraus zur Produktion beigetragen haben. Der gemäss der Chinesischen Volkspartei zu 70 Prozent „gute“ und nur zu 30 Prozent „böse“ Mao Zedong wird als Kinderliebhaber und Volksheld auf Blumenwiesen, vor dem romantischen Sternenhimmel und weinend am Grabe seines Kochs dargestellt. Der Film hört dann auch prompt dort auf, wo all das Chinesische Leid eigentlich erst anfängt. In Fenghang allerdings interessiert nicht Mao in erster Linie die Dorfbewohner, sondern der bevorstehende Touristenstrom zum Feiertag. Der Ansturm bleibt allerdings aus, sei es wegen der Wirtschaftskrise oder der Ermahnung der Regierung den Tag zu Hause vor dem Fernseher zu verbringen, dafür hat man in Dehang wiedermal die Scheiben und Küchen gründlich geputzt, den Boden gefegt und neue Lampions aufgehängt. Wie das Chinesische Volk, bleiben auch wir am Morgen zu Hause vor dem Fernseher, gucken gespannt die Parade in Peking und sind beeindruckt von den 260‘000 Beteiligten und all den Kriegsmaterialien, die man für den speziellen Anlass aus dem Keller geholt hat und etwas empört über das symbolträchtige Tragen der Maojacke durch Hu Jintao – aber wir sind, nach all unseren China-Erfahrungen, nicht besonders erstaunt über diese pompöse, martialische Selbstinszenierung der KP.

Nach weiteren zwei Nächten im Zug können wir uns endlich im komfortablen Hongkong erholen. Wir bestaunen all die Wolkenkratzer, die moderne Infrastruktur und internationalen Geschäfte, doch am meisten geniessen wir wohl die Tage am Strand, wo wir uns bei über 30 Grad alle gern ins Wasser stürzen. Der kleine Badeurlaub rundet unsere Reise ab, bevor wir sehr aufgeregt ins Flugzeug steigen und der Schweiz entgegen fliegen. All denen, die über ein Jahr auf uns gewartet, uns E-mails geschrieben, telefoniert oder uns am Flughafen empfangen haben, herzlichen Dank!!

Not Russia! Not Borat!






















Stundenlang das gleiche Bild: Zugreisen in Kasachstan
















Wir kommen in der ehemaligen Hauptstadt Almaty an und fühlen uns als ob wir bereits wieder in Europa wären.

















Naja, im "Hotel" wird der europäische Standard dann knapp unterschritten.

















Nicht viel anders als in China: Auf einer administrativen Odyssee jagen wir den benötigten Stempeln und Dokumenten hinterher.






















Heilige Auferstehungskathedrale

















Wiedersehen mit Karen & Jim in Shymkent

















Darauf stossen wir mit einer Vodkamelone an.

















Auf geht's in den Nationalpark Sayram Ugam...






















... wo wir bei einer kasachischen Bauernfamilie nächtigen.






















Schaut lecker aus - legt uns aber alle für drei Tage flach!






















Nicht einmal der obligate Vodka des Gastgebers kann unseren Mägen noch helfen.

















So ein Mist! Mit getrocknetem Kuhdung wird hier geheizt und gekocht.

















Auch der Bauer entspannt sich gerne nach einem langen Tag auf dem Feld; am liebsten in der Dorfsauna.

















Unberührte Natur so weit das Auge reicht...














... da schnüren wir doch sofort unsere Wanderschuhe.

















Auch vor reissenden Strömen machen wir nicht Halt!

















Don Quijote & Sancho Panza halten Ausschau nach Windmühlen.














Das amerikanisch-schottisch-schweizerische Expeditionsteam






















Unendliche Weiten: Kasachstan, neuntgrösstes Land der Welt

















Das Mausoleum in Turkestan wurde um 1400 errichtet.






















Drei Wallfahrten hierher sind gleichwertig mit einer Pilgerreise nach Mekka.



Turkestan ist zwar ein verschlafenes Provinzstädtchen, aber auf dem Bazar ist ganz schön was los.






















Fast 1 PS.






















Nostalgia: Relikte aus der Sowjetunion im Stadtpark...

















... und im Supermarkt.

















Abendstimmung am Bahnhof in Turkestan

31. Oktober 2009

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt


Nach einer 50-stündigen Zugfahrt – wir teilen das Abteil mit einem besonders verhaltensoriginellen Jungen, welcher permanent als Flugzeug durch den Gang rennt und dabei entsprechend ohrenbetäubende Geräusche von sich gibt - erreichen wir schliesslich Urumuqi, die am weitesten vom Meer entfernte Grossstadt der Welt. Bevor wir aussteigen, kriegt Andrea von der Mutter des kleinen Rackers noch ein echtes Goldarmband mit Bernsteinbesatz geschenkt, wohl als Schmerzensgeld für unsere geplagten Ohren.


Am nächsten Morgen machen wir uns gleich auf ins PSB (Public Security Bureau), wo wir unsere in Kürze auslaufende Aufenthaltsgenehmigung in ein Touristenvisum umwandeln wollen. Dies, so hat uns der Polizeichef in Mianyang mehrfach versichert, sei auch im wilden Westen Chinas absolut kein Problem. Erwartungsvoll und einigermassen zuversichtlich treten wir also an den Schalter. Knappe zehn Sekunden später, haben sich unsere Reisepläne fürs erste in Luft aufgelöst! Die miesepetrige Polizistin bedarf eines einzigen gelangweilten Blickes auf unsere Pässe, um uns die Antwort zu geben, die wir niemals hören wollten: „MEI YOU.“ - Nun sollten wir an dieser Stelle wohl kurz diese einzigartige chinesische Phrase klären. „Mei you“ heisst wörtlich übersetzt „Nicht haben“, kann aber je nach Verwendung eine Vielzahl von Bedeutungen tragen: Von „Geht nicht“ über „Weiss nicht“, „Keine Zeit“, „Keine Lust“, „Heute nicht, vielleicht morgen“ bis hin zu „Schert euch zum Teufel“. Nach einem Jahr China wissen wir jedoch, dass mit sanftem Druck und beharrlichem Nachhaken trotz anfänglichem „Mei you“ häufig doch noch ein Weg zum Ziel führt. Heute hilft aber leider alles Betteln und Stürmen nichts. Die chinesische Bürokratie hat uns auf dem falschen Fuss erwischt; ein Telefonat mit der Schweizer Botschaft in Peking bestätigt die düstere Vorahnung: Wir müssen ausreisen - und zwar bald!



Es bleiben uns gerade mal fünf Tage um Xinjiang, mit 1.6 Millionen Quadratkilometern (bei gerade einmal 16 Millionen Einwohnern) die grösste aller Provinzen, zu beschnuppern. Urumuqi sieht aus wie die meisten ungesund rasant wachsenden Städte in diesem Land: Verkehrsstrom ohne Ende, im Eiltempo hingeklotzte Hochhäuser, welche jeglicher architektonischer Ästhetik entbehren, sowie an jeder zweiten Strassenkreuzung die unvermeidlichen Boten westlicher Fastfood-Kultur. Die Mehrheit der Schweizer hat wohl im Juli dieses Jahres zum ersten Mal überhaupt von dieser westchinesischen Grossstadt gehört, als die Ausschreitungen und Kämpfe zwischen Hanchinesen und der muslimisch-uigurischen Minderheit fast 200 Tote forderten. Xinjiang mit seinen acht Millionen Uiguren stellt für die Zentralregierung ein wahrhaftiges Pulverfass dar, von dessen Lunte sie den Funken mit allen Mitteln fernzuhalten versuchen. Die Stadt gleicht denn auch einer Festung: An jeder grösseren Kreuzung und vor sämtlichen staatlichen Gebäuden stehen bis an die Zähne bewaffnete Soldaten und in den durch Han besiedelten Stadtteilen patrouillieren zusätzlich Bürgerwehrkommandos. Bewaffnet mit Schlagstöcken und roten Bändern am Oberarm erinnern sie ein wenig an die Roten Garden zu Maos Zeiten. Trotz allem ist es uns möglich, das muslimische Ghetto zu besuchen, wo sich zu dieser Zeit kein Chinese ohne massiven Polizeischutz hintrauen würde. Die verwinkelten Gassen werden gesäumt von Moscheen und Fladenbrotständen, Männer mit Spitzbärten schieben Karren voller dampfender Schafsköpfe und Eingeweide durch den Basar, aus vollgestopften Plattenläden dröhnt scheppernde Bauchtanzmusik und alle zwanzig Meter preisen Wassermelonenverkäufer stimmgewaltig ihre Ware an.



Vier Tage später steigen wir in den Nachtzug Richtung Almaty. Da seien zwar das Essen und die Hotels wahnsinnig teuer, meint unsere Beraterin von der Botschaft, dafür gäbe es meist keine Probleme mit der Beantragung eines chinesischen Touristenvisums. Schwierigkeiten gibt es dafür bei der Ausreise aus China: Mitten im Ödland Zentralasiens stehen wir sechs Stunden an der chinesisch-kasachischen Grenze; gerade einmal zwei Züge pro Tag erlauben es den Zollbeamten, ihrer Aufgabe wirklich gründlich nachzukommen. Als wir unsere Rucksäcke öffnen, pickt sich die Dame in Uniform sogleich unseren Reiseführer heraus und will wissen:

„Does this book cover all the provinces of China?“
„Sure, it does.“
„Really?! But I can’t find a chapter about Taiwan.“
„Ahmm, well... that’s because...“
„And your map: Taiwan has not the same colour as mainland China.“
„Oh! No problem. Let me just rip it out and throw it away.“
„No! This book is against Chinese law! I’ll have to keep it.“

Dank Aufbietung unserer geballten Überzeugungskraft gelingt es uns letztendlich doch noch, die pflichtbewusste Dame zu überzeugen und unseren treuen Begleiter aus den Fängen der chinesischen Polizei zu befreien.

Ausflug zum Himmelssee mit Besteigung
des 4000 Meter hohen "Pferdezahns"

und Übernachtung in einer kasachischen Jurte







13. September 2009

Hingucker...

Fuer die Lesemuffel unter unseren Blogbesuchern hier noch ein paar weitere optische Leckerbissen fotografiert von Patrick: http://www.chrusel.deviantart.com/gallery/

18. August 2009

Von hungrigen Geiern, duenner Luft und durstigen Polizisten

60 Busstunden, geschaetzte 2500 Kilometer und ganz schoen viele Hoehenmeter liegen hinter uns. Bevor wir die naechste Etappe in Angriff nehmen, goennen wir uns darum eine Verschnaufspause und eine kulinarische Auszeit mit Spaghetti, Sandwich und Schokokuchen, welche nach der tibetischen Yakdumplingdiaet und der bevorstehenden Hammelkepabtrennkost dringend notwendig ist. Zudem erlaubt uns diese Pause auch, unseren Blog auf den neusten Stand zu bringen…

Gestartet haben wir unsere erste Etappe, welche wir mit Patrick (Thomas’ Bruder) bestritten haben, in Kunming, wo wir nach all den zwar heissen, aber zumeist ziemlich trueben Tagen in Sichuan endlich mal wieder ordentlich Sonne tanken konnten. Den ersten Halt legten wir, auf Einladung von Sophia, einer Studentin von Thomas, im Bauerndorf XiaShanKou (frei ins Schweizerdeutsche uebersetzt hiesse dieser Ort wohl “Unteriberg”) ein. Auf dem Bauernhof wurden wir von Sophias Vater wunderbar verkoestigt und am naechsten Tag ging es fuer eine zweistuendige Einbaum-Rundfahrt in die nahegelegene Sumpflandschaft.



Auf der typischen Route durch den Yunnan darf ein Stopp im beruehmten Lijiang (UNESCO-Weltkulturerbe) auf keinen Fall fehlen. Da wir dieses aber bereits vor vier Jahren besucht hatten, vorallem aber weil der Ort mittlerweile zu einem folkloristischen Disneyland, mit nicht abreissendem Touristenstrom verkommen ist, liessen wir es links liegen und wandten uns stattdessen ShaXi zu. Ein unglaublich charmantes Bauerndorf, welches mit Hilfe von Denkmalschutzspezialisten der ETH Zuerich, einer sanften Renovation unterzogen wurde.



Gluecklicherweise war auch gleich noch Markt und so kamen von all den umliegenden Doerfern die Bauern in ihren Minoritaetentrachten, um sich mit neuen Flechtkoerben und Chinesenschlappen einzudecken oder die etwas aelteren Semester, um beim Feld-Wald-und-Wiesen-Zahnarzt mal auf die Schnelle das Gebiss auszuwechseln oder einen schmerzenden Zahn zu ziehen; das Ganze natuerlich ohne Betaeubung und auf offener Strasse zwischen Gemuesestand und Gefluegelhaendler.



Der eigentliche Hoehepunkt unseres Aufenthalts war aber ein ganz anderer: Am zweiten Abend passierten wir den lokalen Polizeiposten und wurden prompt zu einem Federballmatch mit den gelangweilten Beamten herausgefordert. Bald schon folgte das obligatorische Fotoshooting mit den Langnasen und als wir einige Stunden spaeter auf dem Rueckweg in unsere Unterkunft waren wurden wir aufgefordert uns doch noch einmal zu ihnen zu gesellen. Mittlerweile hatte das ganze Korps bereits ganz schoen was intus. Als wir nach einer halben Stunde und etlichen lauwarmen Bieren langsam zurueck in die Unterkunft wollten, entschloss sich die versammelte Mannschaft, mittlerweile verstaerkt durch den Dorfarzt und seine Kumpels, uns Geleitschutz zu geben. Also begaben wir uns alle gemeinsam zurueck in unser Gasthaus, wo das Gelage an der Bar sogleich weiterging, da in China wahre Freundschaft immer mit DREI Bechern ex-und-hopp beziehungsweise GANBEI begossen werden muss.



Angekommen im sagenumwobenen ShangRiLa (ZhongDian) stellt man schnell fest, dass aus dem einst schmucken Bergdorf binnen weniger Jahre eine haessliche, chinesische Grossstadt auf 3000 Metern ueber Meer geworden ist. Immerhin liegen die meisten Hotels in der ehemaligen Altstadt, die ihren Charme bewahren konnte und wo sich dementsprechend alle Reisenden zusammenrotten. Beim Fruehstueck trafen wir dann auch prompt mal wieder auf jemanden der Deutsch spricht: Monika kommt aus Wien und war wie jedes Jahr auf Besuch im Waisenhaus, fuer welches sie in Oesterreich, Deutschland und der Schweiz Spenden sammelt. Sie laedt uns ein, sie zu begleiten, um mit den Kindern auf der Farm einige Kilometer ausserhalb der Stadt den Tag zu verbringen. Das Projekt, welches 1993 ins Leben gerufen wurde, wird von Tendol und Losang gefuehrt, einem tibetischen Paar, welches waehrend vieler Jahre in Rapperswil gelebt hat und auch heute noch jedes Jahr einige Wochen in die Schweiz zurueckkehrt um ueber ihr Projekt zu informieren und Spenden zu sammeln. Wir erlebten einen tollen Tag mit den ueber 50 Kindern, welche zwischen 4 und 20 Jahren alt sind. Vielen Dank an Tendol, Losang, Monika und all die Kinder und Jugendlichen fuer diesen abwechslungsreichen Tag! Wer noch nicht genau weiss, welchem Hilfswerk er an Weihnachten etwas spenden moechte, dem sei versichert, dass sein Geld hier sinnvoll eingesetzt wird: www.tendol-gyalzur-tibet.ch



Unser naechster Halt Litang – hoechstgelegene Stadt Chinas auf 4014 Metern - war sprichwoertlich atemberaubend. Die Gegend wird hier fast ausschliesslich von Tibetern besiedelt, Han-Chinesen machen gerade mal ein Prozent der Bevoelkerung aus. Das Bild wird gepraegt von orange gewandeten Moenchen, zottigen Yaks, langhaarigen Machos mit breitem Grinsen und dunklen RayBan-Sonnenbrillen, abgemagerten, herumstreunenden Koetern und gebetsmuehlenbewaffneten Frauen unbestimmbaren Alters.




Hauptattraktion sind die jaehrlich stattfindenden Pferdefestspiele, zu denen jeweils zehntausende von Tibetern mit ihren Tieren pilgern. Leider gab es aber dieses Jahr aus Beijing keine Genehmigung fuer die Durchfuehrung eines Anlasses dieser Groesse, da sich die Obrigkeit vor einer Versammlung derart vieler Tibeter fuerchtet. So mussten wir uns mit einer Miniversion begnuegen, welche aber trotzdem aeusserst sehenswert war. Die tollkuehnen Reiter, welche auf ihren pfeilschnellen Pferdchen halsbrecherische Kunsstuecke vollfuehren, liessen uns aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.


Zartbesaitete Leserinnen und Leser sollten an dieser Stelle ihre Lektuere besser vorzeitig beenden; ist doch der uralte tibetische Brauch der Himmelsbestattung fuer die meisten Menschen zunaechst sehr gewoehnungsbeduerftig. Da der Boden auf dem Hochplateau waehrend eines Grossteils des Jahres gefroren ist und Baeume fuer Brennholz fast gaenzlich fehlen, mussten sich die Tibeter etwas einfallen lassen um die sterblichen Ueberreste ihrer Mitmenschen zu “beerdigen”: Der tote Koerper wird zunaechst zu einem heiligen Ort gebracht, wo er baeuchlings zu Boden gelegt wird. Der Bestatter – haeufig ein Moench – trennt mit geuebter Hand das Fleisch auf der Rueckseite von den Knochen. Gleichzeitig segeln von den umliegenden Bergen Dutzende von riesigen Geiern herab und lassen sich in der Naehe des Geschehens nieder. Kaum tritt der Bestatter einen Schritt von der Leiche zurueck, verschwindet diese unter den gespreizten Fluegeln der Voegel. Wenige Minuten spaeter bleibt bloss das sauber abgefressene Skelett zurueck. Nun greift der Moench zur Axt und zertruemmert saemtliche Knochen zu feinem Pulver; angereichert mit Mehl und Zucker wird diesem Brei schliesslich noch das Hirn untergemischt bevor auch die letzten Ueberreste in den Schnaebeln der gierigen Geier verschwinden. Vollgefressen schwingen sich diese wieder in die Luefte und verschwinden am Himmel.